EINE FI­NANZ­DI­REK­TO­RIN MIT OF­FE­NEM OHR

Auf dem Bieler Schlachthofareal ist in diesem Jahr einiges in Bewegung geraten. Anlässlich eines Besuchs auf dem Gelände verrät Silvia Steidle, Finanzdirektorin der Stadt Biel ,  dass auch sie von einem lebendigen Begegnungsort träumt.

Einst war der Schlachthof der städtischen Polizeidirektion unterstellt, später und bis zur Einstellung des Schlachtbetriebs im Jahr 1992 gehörte er zur Direktion der Gemeindebetriebe. Heute ist Silvia Steidle, die Finanzdirektorin der Stadt Biel, oberste Verwalterin des Schlachthofareals.

Zusammen mit ihrer Gemeinderatskollegin Glenda Gonzalez, Gemeinderätin für Bildung, Kultur und Sport, hat sie die IG Schlachthof Kulturzentrum beim Zustandekommen des Mietvertrags von «Raum 1» unterstützt. Schon seit dem Frühjahr habe sie auf der Website und in den Medien unsere Aktivitäten verfolgt, erzählt Silvia Steidle – selber war sie aber noch nicht oft und schon länger nicht mehr auf dem Areal. Also vereinbaren wir einen Ortstermin.

Es ist kurz nach 16 Uhr, als die Finanzdirektorin aus dem Taxi aussteigt. Der Regen hat auf dem Parkplatz wieder einmal zahlreiche Pfützen hinterlassen, der Sturmwind treibt welkes Laub über den Platz. Doch nicht nur draussen präsentiert sich der Schlachthof von einer höchst unfreundlichen Seite, auch in unserem «Raum 1» ist es finster und kalt.

Silvia Steidle ist zum ersten Mal in diesem Teil des Schlachthofs und will wissen, wie wir das Lokal künftig nutzen wollen. Ich erzähle von ersten Interessent:innen, vom geplanten Einweihungsfest am 18. Dezember – und vom Plan, die Holzbalken vor den Fenstern zu entfernen, um mehr Tageslicht hereinzulassen. «Unbedingt» sagt sie und fragt nach der Heizung.

Diese ist leider schon seit Jahren nicht mehr in Betrieb, die Kälte hockt buchstäblich in den Wänden. Deshalb zieht es uns fast magisch ins nebenan liegende Büro, aus dem uns ein Hauch von Wärme entgegenströmt. Samir, einer der Autohändler auf dem Areal,  hat seinen Elektroofen eingeschaltet und heisst uns, wie immer wenn er da ist und man vorbeischaut, herzlich willkommen. Auf seine Frage, ob er uns einen Kaffee offerieren dürfe, sagt Silvia spontan: «Gerne, ich habe Zeit – und du?» Natürlich bin auch ich nicht in Eile... Bald sitzen wir am runden Tisch und lassen uns von Samir in die Geheimnisse des Occasionhandels einweihen.

 

Er und sein Kollege Abdullah mieten seit ein paar Monaten nebst dem getäferten Büro, das einst der Fleisch-Firma Bell gehört hat, Parkplätze auf dem hinteren Teil des Areals, um dort ihre Altwagen vor dem Weiterverkauf nach Osteuropa und Afrika zwischenzulagern. Der Platz sei gut, versichert Samir und greift nach zwei Fahrzeugausweisen, um seinen Gästen zu erklären, auf was er beim Autokauf und -verkauf achtet.

Was er suche, seien solide Fahrzeuge mit nicht allzuviel komplizierter Elektronik. In Osteuropa seien vor allem deutsche Occasionen gefragt, in Afrika japanische Marken. Dabei gehe es ihm nicht nur um sein Geschäft, der Autohandel mit Afrika sei auch so etwas wie Wirtschaftshilfe, sagt Samir: «Die Reparaturarbeiten lassen wir dort machen – das ist viel günstiger und schafft Arbeitsplätze. Und die instand gestellten Autos werden zum Beispiel als Taxi genutzt, was wiederum Einkommen bringt.»

Wir könnten noch lange an der Wärme sitzen bleiben und Samir zuhören – aber draussen wartet der Schlachthof… Im Hof schlägt uns wieder der feuchte Wind entgegen. Carnals von der Zeltvermietung beladen gerade ihr Auto – und schon sind wir auch hier in ein kurzes Gespräch verstrickt, das sich natürlich um die Zukunft des Schlachthofs dreht und dass die IG im letzten Jahr Schwung aufs Areal gebracht habe.

 

Im Holzbildhaueratelier brennt Licht. Ich frage Silvia, ob sie Christian Ryter kenne. Sie verneint, ist aber mit einem seiner Künstlerkollegen befreundet, der ihr von ihm erzählt habe. Ich klopfe leise an die Tür – und schon kommt uns Chrigel entgegen. Auch hier sind wir eins, zwei, in einem angeregten Gespräch. Der Künstler führt uns durch sein Atelier, zeigt seine aktuellen Arbeiten und die Plastikflaschensammlung. Bald kommt die Rede auf die prekäre Situation von Künstlerinnen und Künstlern und besonders auf den Mangel an günstigen Atelier- und Ausstellungsräumen in der Stadt. Chrigel erzählt, er suche für nächstes Jahr einen rund 200 Quadratmeter grossen, hohen Raum, um seine Skulpturen auszustellen. «Am besten wäre, wenn du gleich hier, auf dem Areal ausstellen könntest», meint Silvia. «Hier, an diesem zentralen Ort, ist die Chance gross, dass Leute vorbeikommen und du viele Besucherinnen und Besucher ansprechen kannst.»

Auf unserer Website hat sie die Bilder von der Architekturveranstaltung in der Lagerhalle des Maler- und Gipsereibetriebs Baronello gesehen und meint, vielleicht liesse sich da ja etwas organisieren. Gerne würde Silvia dort auch noch reinschauen und mit dem Mieter sprechen. Diese Türe bleibt heute aber verschlossen: Es ist niemand da, der uns reinlassen könnte – wir haben uns ja auch nicht angemeldet…

Dafür dringen aus dem Gebäude nebenan, das sich verschiedene Bands als Übungsraum teilen, Schlagzeugrhythmen. Das Türklopfen geht im Trommelwirbel unter, also treten wir kurzentschlossen ein und werden auch hier herzlich begrüsst. Der eingemummelte Mann stellt sich als Dominik Baumgartner vor und sagt, er sei ja Gitarrist, aber ihm sei so kalt geworden, dass er sich ans Schlagzeug gesetzt habe, um sich etwas aufzuwärmen. Wir befinden uns in einem ehemaligen Stall des Schlachthofs – da gibt es zwar noch den alten Futtertrog, aber natürlich keine Heizung.

 

Draussen ist es längst dunkel geworden. Wir gehen über den Platz und steigen als letzte Station unseres Rundgangs in die «Cave des Gourmets» hinunter. Wie alle, die dieses Lokal zum ersten Mal betreten, traut auch Silvia Steidle ihren Augen kaum. Sie ist begeistert vom hübschen Interieur und lässt sich von Yann das Weinsortiment zeigen. Danach setzen wir uns in die gemütlichen Sessel, Nicolas schenkt uns einen Apéro ein.

Das Gespräch dreht sich um den früheren Schlachthof. Silvia Steidle erinnert sich noch bestens: «Ich bin ein Kind aus Madretsch. Jeden Mittwoch, auf dem Weg in die Klavierstunde, musste ich am Schlachthof vorbei. Es roch nach Blut, ich habe auch Pferde gesehen und gewusst, was hinter den Mauern passiert. Damals flösste mir der Schlachthof Angst ein. – Jetzt ist es etwas anderes: Man spürt die Geschichte noch – und gleichzeitig ist es faszinierend sich vorzustellen, was hier entstehen könnte…»

Als Gemeinderätin hat sie das Areal in der Vergangenheit zweimal besucht: Das erste Mal 2015, anlässlich der Eröffnung der Drogenanlaufstelle Cactus im ehemaligen Verwaltungsgebäude des Schlachthofs und ein zweites Mal, um die historische Schlachthalle im Hinblick auf eine künftige Umnutzung etwas näher anzuschauen. Auf diese habe man dann aber verzichtet, angesichts der dafür notwendigen Instandsetzungsarbeiten.

«Ich komme zwar oft am Areal vorbei, gehe aber nie rein – so viele Einblicke wie heute hatte ich noch nie», fährt Silvia Steidle fort und erzählt, wie sie zum ersten Mal von der IG Schlachthof Kulturzentrum gehört hat. «Da war der Flyer mit der Einladung für die Informationsveranstaltung, die Website – ich wusste nicht recht, was ich von dem allem halten sollte und fragte mich, was diese Leute wollen...»

Einige ihrer Mitarbeiter:innen hätten dann den Infotag besucht und seien mit positiven Eindrücken zurückgekommen. Grundsätzlich, so Silvia Steidle, finde sie es gut, wenn sich etwas bewege und die Leute ihre Interessen selber in die Hand nehmen und die Initiative ergreifen. Als sie Anfang Oktober dann auf der Website die Bilder und Texte über die Architekturausstellung in der Baronello-Halle gesehen habe, hätte sie plötzlich selber angefangen zu träumen: «Das hat mich begeistert – die Jungen, die da etwas entwickeln. Ich weiss nicht, was das alles kosten würde – das interessiert mich im Moment auch nicht. Aber nach der Baronello-Ausstellung wollte ich die Leute der IG Schlachthof Kulturzentrum selber treffen und spüren, was da entsteht.»

Dann kommt sie aufs Ensemble Stark zu sprechen und auf die Gurzelen – ebenfalls Initiativen aus der Bevölkerung, die Neues bringen und ermöglichen – und mit denen die Stadt bereits erfolgreich zusammenarbeitet. «Als ich zum ersten Mal vom Gurzelen-Projekt gehört habe, war ich sehr skeptisch und fragte ich mich, was wir uns da antun…  Aber dann kam der damalige Kulturdirektor und sagte, wir kennen die Leute – da waren Familien dabei, Bekannte von mir…. In Biel kennt immer jemand jemanden, der wieder jemanden kennt. Mit 57'000 Einwohner:innen ist das überschaubar. Das schafft Vertrauen und ist fast eine Garantie, dass es gut kommt», fasst Silvia Steidle zusammen.

 

Projekte aus der Bevölkerung, die zum Ziel haben, Netzwerke zu schaffen und zu stärken sowie Leute zusammenzubringen, seien enorm wichtig – gerade in der Corona-Zeit werde das wieder deutlich. Zudem brauche es neue Formen der Raumnutzung. «Viele Künstler wie Chrigu finden keine Ateliers mehr und auch die Möglichkeiten für Ausstellungen werden immer weniger – gleichzeitig gibt es viele Räume, die etwa von Archiven belegt sind und nicht zu 100 Prozent genutzt werden…»

Gerade das Schlachthofareal würde sich bestens dafür eignen, um gemeinsam etwas zu entwickeln, das für alle einen Mehrwert ergibt: Möglichkeiten für Kulturschaffende, Begegnungszentrum, Kleingewerbe…. Zwar gehört der Schlachthof zum Finanzvermögen der Stadt Biel, mit dem die Stadt ein jährliches Einkommen von 200'000 Franken erwirtschaftet (ohne Drogen-Injektionslokal Cactus). Wenn sich aber dank der nun entstandenen Bewegung Neues entwickelt, weitere Leute das Areal entdecken, vielleicht sogar Auswärtige herkommen, Künstler wie Chrigel hier arbeiten und Ausstellungen machen können… dann habe das ebenfalls einen Wert, auch wenn man ihn nicht direkt in Franken messen könne, fährt die Finanzdirektorin fort.

Ein Anfang ist gemacht, wie Silvia zusammenfasst, bevor sie aufbricht: «Ich habe euch heute besucht, viel gesehen, mit ein paar Leuten gesprochen und schliesslich diesen schönen Keller entdeckt. Demnächst werde ich den Gemeinderat hierherbringen...»

 

Wie geht es weiter?

Zu den zwei Vorstössen im Stadtrat sowie der Anfang Dezember eingereichten Petition «Kultur statt Parkplätze» konnte Silvia Steidle noch nicht Stellung nehmen.

Die Antwort des Gemeinderats auf die Petition ist für März 2022 zu erwarten, die Interpellation zum Parkraumangebot auf dem Schlachthofareal sowie das Postulat betreffend das Potenzial des Schlachthofs für eine kulturelle Nutzung werden im Mai 2022 dem Stadtrat zur Debatte vorgelegt.

 

 

Ein Gedanke zu „EINE FI­NANZ­DI­REK­TO­RIN MIT OF­FE­NEM OHR

  1. Sascha Weibel Antworten

    Su­per Ar­ti­kel! Und Frau Steidle ist ei­nem Kul­tur­zen­trum of­fen­bar durch­aus zu­ge­neigt. Also alle Se­gel his­sen und volle Fahrt voraus!

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