EINST EIN UNORT – HEUTE EINE INSPIRATIONSQUELLE

Der Bieler Schlachthof ist wie ein roher Diamant. Sein rauer Charme birgt riesiges Potenzial, aber er muss geschliffen werden. In der jüngsten Vergangenheit hat er Architekt:innen und Studierende immer wieder zu spannenden Visionen und Vorschlägen animiert. Erinnert sei etwa an die Bachelor-Arbeiten der Fachhochschulen Fribourg und Burgdorf sowie an den Vorschlag des Bieler Studios WOW für einen Neubau am Rande des Areals als Entwicklungskatalisator.

Und schon folgt das nächste Kapitel: Auf dem Hönggerberg hat die ETH kürzlich drei Diplomarbeiten präsentiert, deren konkrete Vorschläge und Inspirationen für die Entwicklung und Transformation des Bieler Schlachthof-Areals neugierig machen.

Doch von vorne: In den letzten Monaten haben Architekturstudierende des ETH-Studios Maria Conen das Entwicklungspotenzial verschiedener Areale in Biel und Nidau ausgelotet. Unter dem Motto «Cycles&Spaces, Spaces&Cycles» hatten sie den Auftrag, Vorschläge für zirkuläre Prozesse mit einem speziellen Fokus auf soziale Aspekte und Wasserkreisläufe zu erarbeiten.

Eine Aufgabenstellung, wie gemacht für den Schlachthof. Das fanden auch Dara Rüfenacht, Joël Liechti und Fabian Müller, die das 8'000 Quadratmeter grosse Areal für ihre Diplomarbeiten wählten. Die drei Architekturstudierenden aus dem Kanton Bern haben die mögliche Zukunft des Schlachthofareals jenseits von reinem Investorendenken entwickelt. Anlässlich meines Ausstellungsbesuchs auf dem Hönggerberg gaben mir Joël und Fabian vertiefte Einblicke in ihr Vorgehen und ihre Erkenntnisse der letzten Monate.

Sie erzählten, wie auf ihren ersten Schlachthof-Besuch im Februar 2024 viele weitere Stunden auf dem Areal folgten, das ihnen mittlerweile richtiggehend ans Herz gewachsen ist.

Die Basisrecherchen und Grundlagenpläne erarbeiteten sie im Team. Dabei ging das Trio das Thema auf verschiedenen Ebenen an: Sie suchten mit allen Nutzer:innen des Areals das Gespräch, sichteten die alten Pläne im Stadtarchiv, recherchierten im Internet, trugen Bilder, Zahlen und Zitate zusammen.

Das Resultat dieser aufwändigen Recherche ist eine umfassende, spannende Analyse sowohl der baulichen Gegebenheiten und Möglichkeiten des Schlachthofs wie auch der sozialen Beziehungen und Dynamiken auf dem Areal. Wie es sich für eine Architekturarbeit gehört, bauten sie auch ein eindrückliches Modell vom Areal und seiner Umgebung. Die Aufgabenstellung verlangte eine Materialisierung aus Recylingwertstoffen, von denen auf dem Schlachthof mehr als genug zu finden waren...

Auf dem Teamwork aufbauend, entstanden in der Folge drei Diplomarbeiten mit unterschiedlichen Gewichtungen und Vorschlägen.

Allen drei gemeinsam ist jedoch, dass sie für das Areal eine gemischte, ressourcenschonende Entwicklung und Nutzung vorschlagen, Bestehendes erhalten wollen und für ein schrittweises Vorgehen plädieren. Dabei soll niemand verdrängt werden – nur die Auto-Occasionshändler, die Ende Juni 2024 ohnehin einer Baustelleninstallation weichen müssen, sollen ihr Gewerbe künftig anderweitig ausüben. Abstellplätze für Autos, auch darin sind sich die drei angehenden Architekt:innen einig, haben auf dem Schlachthofareal nichts zu suchen.

Im Gegenteil, findet Fabian Müller. Er hat in seinem Entwurf die Lagerräume für den Betrieb des «neuen» Schlachthofs an den Rand, entlang der Salzhausstrasse verlegt, um das gesamte Areal von Zulieferverkehr freizuspielen.

Der Schlachthof soll inmitten eines grünen Gürtels liegen, die alte Schlachthalle künftig als Mensa dienen: «Sie ist das Herzstück, wo sich die Nutzer:innen wie auch Studierende der umliegenden Schulen und Menschen aus dem Quartier treffen.»

Überhaupt will Fabian Müller das Areal besser ins Quartier einbetten: «Die Leute sollen nicht nur zur Arbeit oder für Events her kommen, sondern auch im Alltag, auf dem Weg zum Bahnhof die Abkürzung über den Schlachthof nehmen.» Um die Durchlässigkeit zu verbessern und keine Konfliktzonen zu schaffen, schlägt er zudem vor, die Drogenabgabestelle CONTACT in den hinteren Teil des Areals zu zügeln und in der ehemaligen Direktorenvilla zum Beispiel eine Kita einzurichten.

«Gemeinsam können wir eine Stadt gestalten,
die ihre Vergangenheit respektiert,
sich mit der Gegenwart auseinandersetzt
und die Zukunft ins Auge fasst.» (Joël Liechti)

Auch Wohnen soll auf dem Schlachthofareal in Zukunft möglich sein. «An so zentraler Lage gehört das zum Konzept», sagt Joël Liechti, Autor des zweiten Entwurfs, um gleich zu relativieren: «In der Umgebung gibt es allerdings genügend Brachen, wo neuer Wohnraum geschaffen werden kann, so dass es schade wäre, Wohnen auf das Areal zu zwängen, wenn anderes besser passt.» Im Zentrum seines Entwurfs steht die Leitidee des Teilens. In einem Neubau, der schwebend über dem Boden des ehemaligen Parkplatzes vornehmlich aus wiederverwerteten Elementen errichtet wird, sind im Erdgeschoss ein Recyclinghof und Co-Workingspaces untergebracht, während im oberen Stockwerk Wohnen angesagt ist, mit gemeinschaftlich genutzten Nasszellen, Küchen und Aufenthaltsräumen. Zum Teilen eignen sich aber auch die angedachte «Zirkushalle» (in der bestehenden «Baronellohalle») oder Gewerberäume, die am Feierabend für öffentliche Nutzungen zur Verfügung stehen würden...

«You can’t fix it, you don’t own it», schreibt Dara Rüfenacht im Text zum dritten Projekt. Mit einer Fotostrecke dokumentiert sie den schlechten Zustand der Bausubstanz und schlägt als ersten Entwicklungsschritt das Einrichten eines Workshops vor, um die Gebäude – beginnend mit den Dächern – schrittweise sanft zu renovieren. Sie holt zudem den Schüsskanal aus dem Untergrund und entwirft einen geschlossenen Wasserkreislauf für das Areal. Damit werden auch die Gemeinschaftsgärten bewässert, die anstelle der heutigen Parkplätze angelegt werden und deren Produkte man in der Markthalle – der historischen Schlachthalle – kaufen kann.

Dies nur einige wenige Highlights aus den drei Arbeiten, die detailliert und kreativ ein wahrer Fundus sind für Ideen, wie das Schlachthofareal transformiert und in ein lebendiges Stadtjuwel verwandelt werden kann.

Joël Liechti macht sogar einen Vorschlag, wie dies lustvoll angeschoben wäre: Er schlägt vor, dass sich alle Akteur:innen aus der Westast-Zeit einmal im Jahr treffen, um das Ende des Autobahnprojekts zu feiern und den ehemaligen Westast-Perimeter neu zu beleben. «Sie lernen neue Leute kennen, vernetzen sich und entwickeln gemeinsam Ideen für das Gebiet. Daraus entsteht eine alternative Form von Stadtentwicklung – bottom-up und multilayered. Im Lauf der Jahre kommen neue Akteure hinzu, schliessen sich den Feierlichkeiten an, und die Gebäude beginnen sich langsam zu transformieren...» – Dies die Vision, die Joël Liechti in drei Skizzen entwirft und in einem Satz zusammenfasst: «Gemeinsam können wir eine Stadt gestalten, die ihre Vergangenheit respektiert, sich mit der Gegenwart auseinandersetzt und die Zukunft ins Auge fasst.»

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