IN­SPI­RIE­RENDE NACHBARN

Ein kalter, feuchter Novembermorgen. Auch das Schlachthofareal hat sich schon einladender präsentiert. Ich habe ein Rendezvous mit unseren neuen Nachbarn: Gleich gegenüber von unserem Raum 1, auf der anderen Seite des Innenhofs, haben Jo und DJ Erno ebenfalls einen Raum gemietet und sind nun daran, diesen in einen Kreativort zu verwandeln.

Dank ihrem Enthusiasmus ist die Novembertristesse schnell vergessen. Erno kurvt als erster in den Innenhof, er ist mit dem Scooter gekommen, weil er ganz in der Nähe wohnt. Jo lebt mit seiner Familie seit zwei Jahren in Evilard, betont aber sofort, er sei und bleibe ein Bieler Urgewächs… Sein Vater sei an der Murtenstrasse aufgewachsen, das GM- und Schlachthofquartier sei damals sein Spielplatz gewesen.

Erno öffnet das Vorhängeschloss zum Eingang. Der Raum ist überstellt mit Rasenmähern, Heckenscheren und was man sonst noch zum Gärtnern braucht – Arbeitsmaterial von Toni, dem Abwart des Schlachthofareals und weiterer städtischer Liegenschaften.

 

 

Wir steigen die schmale Treppe hoch und erreichen durch einen kurzen Gang den ehemaligen Garderoberaum für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Schlachthofs. Gleich beim Eintreten fällt der Blick auf den grossen, schweren Tisch in der Mitte des Raums, mit Grammophon, Mischpult, Verstärkeranlagen und Musikboxen – das «Arbeitsgerät» von DJ Erno und Jo. Drumherum Garderobenschränke, an welchen noch die Schlüssel stecken und handschriftlich geschriebene Namensschilder an die letzten Nutzerinnen und Nutzer erinnern. An den Wänden lange Waschbecken, zwei Duschkabinen sowie WCs – die sanitären Anlagen sind allerdings alle ausser Betrieb: Die Stadt hat hier schon vor langer Zeit das Wasser abgestellt…

«Wir haben lange nach einem geeigneten Studio gesucht, wo wir proben und unsere Stücke entwickeln können, ohne dass die laute Musik jemanden stört», sagt Jo. Schliesslich hätten sie dank einem Inserat auf der Website der Bieler Liegenschaftsverwaltung diesen Raum gefunden. Den Tisch konnten sie von ihren Vormietern, einer Studentenverbindung erben…

 

 

Wir setzen uns in unseren Winterjacken auf die Garderobenbänke – es ist frisch, der Elektroofen, den wir für die Zeit unseres Aufenthalts in Betrieb setzen, vermag nicht den gesamten Raum zu heizen. «Wir kennen uns von klein her», beginnen Jo alias Jonathan Jaquerod und Erno alias Alain Capkan ihre Geschichte. Beide hätten sie in den 1990er Jahren in der ehemaligen Villa Ritter in der Juravorstadt den Rap entdeckt.

«Ich wollte immer schon DJ werden – mein älterer Bruder hat das gemacht, deshalb gab es für mich nichts anderes», erinnert sich Erno. Seit über zwanzig Jahren legt er auf und hat sich weitherum als DJerno einen Namen gemacht. Darüber hinaus kreiert er aber auch selber Musik. Dafür sampelt er Klänge aus aller Welt und schafft daraus Neues.

Jo begann als 20jähriger mit dem Rappen. Vor zwei Jahren hat er seinem Jugendfreund Erno vorgeschlagen, gemeinsam Musik zu machen. Seither tüfteln sie in ihrer Freizeit an ihren Rap-Projekten und haben auch schon einige Produktionen aufgenommen. 2022 soll ein erstes Album erscheinen. Der verheissungsvolle Titel: J’ai fait un rêve…

Wann genau es soweit ist, dass sie die geplanten Stücke in Neuchâtel im Studio aufnehmen können, wissen sie noch nicht. «Wir müssen ja auch noch unser Auskommen verdienen», lacht Jo. Erno ist gelernter Uhrmacher, Jo arbeitet seit 17 Jahren bei der Kantonspolizei und kommt so in Kontakt mit Leuten aus allen Milieus und Schichten – Begegnungen, die ihn zu seinen Texten inspirieren.

 

Ihr Genre umschreiben sie mit «Rap positif» - der von Herzen kommt. Sie wollen damit ans goldene Zeitalter des Hip-Hops der 1990er Jahre anknüpfen – zu ihren grossen Vorbildern zählt die französische Hip-Hop-Gruppe IAM. Beim heutigen Kommerz-Rap drehe sich alles um Sex und Gewalt, kritisieren die beiden. Viele Jugendliche liessen sich davon verführen, wodurch ein gefährlicher Kreislauf des Hasses entstehen könne, weiss Jo.

Mit seinen Rap-Texten will er Geschichten aus dem Alltag erzählen, welche die Menschen berühren – Junge wie Alte. Das erste gemeinsame Stück von DJerno und Jo hiess «La vita e bella» und handelt von Hochs und Tiefs im Leben, und trotzdem sei es schön… Zwei weitere Stücke – Les Vacances und Guerre intérieure sind auf Youtube abrufbar – Teile des letzteren wurden übrigens auf dem Schlachthofareal aufgenommen, das die passende Kulisse zum eindrücklichen Rap liefert. Die Kommentare auf Social Media wie im richtigen Leben zeigen: Der positive Rap kommt an! In Szene gesetzt werden die Raps von Jo und DJ Erno von zwei weiteren Jugendfreund:innen: Der Grafiker David von Gunten ist zuständig fürs Design, seine Schwester Noémi von Gunten produziert die Clips.

In Zukunft hoffen Jo und Erno, öfters in ihrem Studio arbeiten zu können. «Bisher haben wir unseren Rhythmus leider noch nicht ganz gefunden, aber künftig will ich nur noch 90 Prozent in meinem Job arbeiten – das würde uns erlauben, pro Monat zusätzlich zwei volle Tage der Musik zu widmen», stellt Jo in Aussicht.

Im Gespräch kommen immer wieder neue Ideen und Visionen zur Sprache, die sie künftig in ihrem Garderobe-Studio und darüber hinaus auf dem Schlachthofareal gerne umsetzen würden: Angefangen von Workshops für Jugendliche, über Konzerte im schönen Innenhof, auf dem grossen (Park)-Platz, Openair Kino, eine Bar… Naheliegend, dass sich die IG und die beiden Rapper auf künftige gemeinsame Projekte und Synergien freuen. Eine weitere, inspirierende Nachbarschaft auf dem Schlachthofareal!

 

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