HALLE MIT POTENZIAL

 

Auf der Suche nach einem geeigneten Ausstellungsort für die Bachelorarbeiten zum Schlachthofareal war schnell klar: Die grosse Schlachthalle wäre super! Dort, wo über dem Eingangstor in grossen Lettern der Name Baronello prangt – mit Pinsel und Spachtel im Logo, die unmissverständlich darauf hinweisen: Dieser Ort ist in Betrieb und wird rege genutzt...

Umso grösser die Freude, als der Juniorchef des Maler- und Gipserunternehmens Baronello GmbH, Stefano Catanese, positiv auf unsere Anfrage reagierte: Spontan und unkompliziert stellte er den Eingangsbereich der Lagerhalle für die Veranstaltung zur Verfügung.

 

Mit seinem Team schaffte er am Freitagnachmittag vor dem Event sogar extra Platz, stellte für die Beleuchtung Bauscheinwerfer zur Verfügung und drückte dann den Organisatoren den Schlüssel in die Hand. Übers Wochenende «gehörte» der vordere Teil der Lagerhalle ihnen. Damit erhielten Besucherinnen und Besucher der Ausstellung Gelegenheit, erstmals einen Blick ins Innere dieses imposanten Gebäudes zu werfen.

Von den ehemaligen Schlachtbahnen ist nichts mehr vorhanden. Dafür gibt es sonst viel zu entdecken. Die Lichterkette und der Holzverschlag, der wie ein Baumhaus über dem Halleneingang thront, seien Überbleibsel einer Weihnachtsinstallation, welche die Mitarbeiter der Firma gebaut hätten, erzählt Stefano Catanese.

Seit Anfang November ist der gelernte Gipser- und Malermeister offiziell Chef des Betriebs, den sein Vater vor über zwanzig Jahren gegründet hat. «Der Schlachthof ist mein zweites Daheim. Von klein auf habe ich meinen Vater begleitet, wenn er am Wochenende in seinem Lager auf dem Areal Material geordnet und für die Baustellen vorbereitet hat», erinnert er sich.

Heute ist das Büro der Baronello GmbH, die sich auf Aussendämmung, Gipsereiarbeiten, Trockenbau und Renovationen spezialisiert hat, in einem Gewerbegebäude im Bözingenfeld untergebracht. Das Herzstück des Unternehmens befindet sich jedoch seit jeher auf dem Schlachthofareal am anderen Ende der Stadt – allerdings in wechselnden Räumlichkeiten:

Als Vater Antonino Catanese die Firma Ende der 1990er Jahre als Einmannbetrieb gründete, mietete er für sein Werkzeug- und Materiallager einen bescheidenen Raum gleich neben der Einfahrt an der Murtenstrasse – heute ist dort das Depot des Arealverwalters.

Bald brauchte das wachsende Unternehmen jedoch mehr Platz und fand diesen in der gleich nebenanliegenden historischen Schlachthalle aus dem 19. Jahrhundert. Während einiger Zeit teilten sich dort die Firma Baronello und die Zeltvermietungsfirma Carnal die Räumlichkeiten.

Als die Grossgarage Merz & Amez-Droz den Schwerpunkt ihrer Tätigkeit nach Bözingen verlegte, nutzte Antonino Catanese dann die Gunst der Stunde und bewarb sich bei der Stadt Biel als Mieter für die grosse Schlachthalle, die bis anhin von der Autogarage zwischengenutzt worden war – und erhielt den Zuschlag.

Seither ist die Firma Baronello weitergewachsen, aktuell zählt sie über dreissig Mitarbeitende. Entsprechend hat auch der Platzbedarf für das Lager ständig zugenommen. Neben dem Eingang und hinter der Halle wartet mittlerweile ein ganzes Arsenal von Paletten, Baugerüsten und Abschrankungen auf seine jeweiligen Einsätze. Je nach Auftragslage stapeln sich Berge von Dämmelementen vor dem Haus, am Feierabend und übers Wochenende umringt von der Baronello-Fahrzeugflotte.

 

Die Lagerfläche im Innern des Gebäudes umfasst rund 650 Quadratmeter. Rechnet man den zusätzlich genutzten Aussenraum dazu, belegt die Firma rund 2000 Quadratmeter, was einem Viertel der gesamten Fläche des Schlachthofareals entspricht. Dafür bezahlt die Baronello GmbH der Stadt Biel einen monatlichen Mietzins von 3'800 Franken. «Das ist sehr günstig für die grosse Fläche und die gute Lage», fasst Stefano Catanese zusammen. «Deshalb sind wir schon so lange hier. Mein Vater hat sich in all den Jahren nie nach einem anderen Standort umgesehen – trotz der Unsicherheit durch das drohende Autobahnprojekt.»

So ist der Schlachthof für Stefano, der schon als Kind vom Beruf seines Vaters fasziniert war und nie etwas anderes als Maler und Gipser werden wollte, zu einem Stück Heimat geworden. Nach frühen Erinnerungen an das Areal  gefragt lacht der heute 30jährige Familienvater und sagt: «Im Innenhof des Schlachthofareals lernte ich bereits als Achtjähriger autofahren!»

Die Ausbildung absolvierte Stefano dann allerdings nicht im väterlichen Betrieb, sondern bei der Egli Group, einem Grossunternehmen aus der Region. Aber auch während seiner Lehrzeit zog es ihn an den Wochenenden wieder regelmässig aufs Schlachthofareal. «Andere gingen in den Ausgang, ich verbrachte meine Freizeit im Lager der Firma. Stunden- und tagelang habe ich hier geputzt, aufgeräumt, Ordnung gemacht...», erzählt Stefano Catanese. Beim Gang durch die weitläufige Lagerhalle werden viele Erinnerungen wach. Hier steht auch noch sein damaliges «Lieblingsspielzeug» – ein Gabelstapler aus den 1950er Jahren, der immer noch in Betrieb ist, obschon ihm mittlerweile ein jüngeres Modell zur Seite gestellt wurde.

Nebst der eindrücklichen Vielfalt an Werkzeug, Utensilien und Material, das hier verstaut ist, gibt es in der ehemaligen Schlachthalle aber noch weitere historische Fahrzeuge zu entdecken: In Reih und Glied stehen hier schätzungsweise ein Dutzend italienische Autos – vor allem alte Fiat Pandas und Cinquecentos, die unter einer dicken Staubschicht schlummern – sowie unter einer Schutzdecke ein Ferrari. Darauf angesprochen lacht Stefano Catanese: «Auto sammeln ist die zweite Leidenschaft, die ich mit meinem Vater teile. – Der Ferrari gehört mir. Den musste ich einfach kaufen, obschon ich ihn kaum fahre.»

 

Die Halle und der anliegende Nebenraum sind dicht belegt. Aus praktischen Gründen hat man die beiden Zugänge, die vom Hof in den Nebenraum führen, zugebaut. Die Stadt sorge für einen minimalen Unterhalt, ab und zu müsse man das Dach reparieren, damit es nicht hereinregnet, sagt Stefano Catanese. Im Übrigen sei das Gebäude aber in gutem Zustand, resümiert der Fachmann: «Das ist ein massiver Bau von sehr guter Qualität aus einer Zeit, als man noch anders baute als heute.»

Und die Zukunft der ehemaligen Schlachthalle? Das Gebäude plattmachen, wie dies einige der in der Ausstellung gezeigten Bachelorarbeiten vorschlagen, ist für Stefano Catanese keine Option. Vielmehr würde er sich über einen Auftrag zur Sanierung des historischen Baus freuen. Zudem öffne er gerne auch in Zukunft gelegentlich übers Wochenende das grosse Baronello-Eingangstor für kulturelle Veranstaltungen, um das Potenzial dieser einmaligen Halle besser zu nutzen; die Zusammenarbeit rund um die Ausstellung mit Vernissage, Musik und Diskussionsrunde Anfang Oktober sei ein guter Anfang gewesen...

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